
Auf der Brick Lane fühle ich mich wohl. Immer wieder würde ich sie besuchen, wenn ich in London bin. Das Foto entstand auf dem Brick Lane Market, der jeden Sonntag stattfindet und seine ganz eigene Stimmung hat. Ich bemerke keine Touristen. Das mag an der Jahreszeit - es ist Januar - liegen, bestimmt aber auch an der skurillen Mischung der Waren: von Goldfischen, die in wassergefüllten Plastikbeuteln einzeln abgepackt auf der Stelle schwimmen, bis zum abgewetzten rosa Riesenplüschhasen, Leder, gebrauchten Möbeln. Am Obststand gibt es keine einzelnen Früchte, man kauft ganze Schüsseln. Der Verkäufer ruft seine Preise aus und packt die bowls dabei immer voller. Ich bin nicht hier, um zu kaufen, will nur die locker geschäftige Stimmung erleben und mich treiben lassen. Die Häuser und der Straßenname erinnern daran, dass hier im frühen 18. Jhdt. Ziegelsteine hergestellt wurden. Auch die 1669 gegründete Truman Black Eagle Brewery prägt mit ihrem Turm das Straßenbild, der Adler blickt noch von der Dachspitze herab. Nachdem in der Brick Lane früher die jüdische Gemeinde dominierte, leben hier heute vorwiegend Bangladeshi ihren Alltag und ihre Kultur.

Jede Straße wird durch 2 Schilder ausgewiesen, eines davon in Bangla. Man sagt, hier gibt es die besten Curries der Stadt. Meine Freundin und ich entscheiden uns für das Nazrul, 130 Brick Lane. Allein die Athmosphäre zieht mich an. Unscheinbar und schummrig. Klein, gut besucht, quirliges Stimmengewirr. Das Volumen der Musik variiert ganz nach Laune der Kellner, die zwischendurch auf dem engen Gang zwischen den langen Tischreihen ausgelassen tanzen. Dabei sind sie doch aufmerksam, ihnen entgeht kein Wink, kein Blick. Die Stimmung hat was von einer Party, es stehen Bier- und Weinflaschen auf den Tischen, Plastiktüten mit weiteren Flaschen auf dem Boden - den Alkohol bringt man hier selbst mit. Mein Curry schmeckt himmlisch, ich schwelge in der extra servierten Pfefferminzsauce und frage mich, wie man sowas hinbekommt.
"Curry... meine Güte! Curry, darunter verstehe ich alles, was mit indischen Gewürzen angerichtet ist."
"Currypulver ist eine englische Angelegenheit. In Indien gibt es das nicht. Es wird für Leute hergestellt, die nicht wissen, wie man mit den einzelnen Gewürzen umgeht."

09.01.05 | Leica Digilux